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Info

Einmal im Jahr ziehen radikale Abtreibungsgegner*innen mit ihrem „Marsch fürs Leben“ durch München. Der Marsch ist eines der größten Events dieser Szene mit steigenden Teilnehmer*innenzahlen und ein relevanter Ort rechter Vernetzung.

Das Thema reproduktive Rechte ist ein zentrales Betätigungsfeld rechter Bewegungen weltweit. Ihr Kampf gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche fungiert als Brücke zwischen fundamentalistisch christlichen, konservativen und extrem rechten Akteur*innen. In Deutschland ist dieser spezielle Aspekt des rechten Kulturkampfs bislang noch weniger weit vorgedrungen als dies andernorts bereits der Fall ist – das wird aber nicht so bleiben, wenn diese Raumnahme unwidersprochen bleibt.

Wir haben uns daher als Pro Choice Bündnis München zusammen geschlossen und rufen dazu auf, die rechten Großaufmärsche nicht unbehelligt durch die Straßen ziehen zu lassen.

Uns geht es dabei nicht allein um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und freie Entscheidung. Das Weltbild der Anti-Choice Bewegung und ihrer Verbündeten orientiert sich an christlich fundamentalistischen Vorstellungen und sieht keinesfalls gleiche Rechte für alle Menschen vor. Es ist rückschrittlich, antifeministisch, queer- und transfeindlich und steht einem guten Leben für alle unvereinbar entgegen.

Für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung!

Feminismus in die Offensive!

Der „Marsch für das Leben“ 2026 findet am 18. April statt. Auch dieses Jahr wird es wieder Proteste gegen den Marsch und für sexuelle Selbstbestimmung geben. Die feministische Demo startet um 11:00 Uhr am Odeonsplatz. Aufruf

Hintergrund:

Am 18. April soll es in München erneut einen sogenannten „Marsch fürs Leben“ geben. Solche Märsche gibt es neben München auch in einigen weiteren Städten und sie zählen zu den wichtigsten Aktionsformen der Anti-Choice-Bewegung. Das sind radikale Abtreibungsgegner*innen und die sind weniger harmlos als es der Name „Marsch fürs Leben“ vielleicht vermuten lässt.

Die Anti-Choice-Bewegung

Die Anti-Choice-Bewegung definiert sich in erster Linie über das gemeinsame Ziel Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten bzw. zu verunmöglichen. Damit stellt sie sich bereits grundsätzlich gegen das Entscheidungsrecht von Frauen und Menschen, die gebären können, über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben zu bestimmen. Bei einem genaueren Blick zeigt sich jedoch, dass diese Bewegung ein über dieses Ziel hinausgehendes, antifeministisches und konservatives bis extrem rechtes Weltbild eint.

Radikale AbtreibungsgegnerInnen verteidigen eine vermeintlich „natürliche“ zweigeschlechtliche heterosexuelle Ordnung, berufen sich auf Gottes Gebote und verfolgen das Ziel eines christlichen Staates. Der Feminismus und die 68er-Bewegung werden als verantwortlich für den vorgeblichen Werteverfall der Gesellschaft angesehen und als zentrale Feindbilder markiert. Nur allzu häufig bedienen sie daran anschließende Argumentationen verschwörungsideologischer und antisemitischer Narrative. So bietet die Anti-Choice-Bewegung nicht nur zahlreiche Anknüpfungspunkte für andere antifeministische und extrem rechte AkteurInnen, sondern ist selbst als Teil der (extremen) Rechten zu betrachten.

Die Anti-Choice-Bewegung ist in ihrer heutigen Form Anfang der 1970er Jahre in Reaktion auf feministische Kämpfe für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch entstanden. In Deutschland lassen sich mind. 60 Vereine und Organisationen, die sich dezidiert dem sogenannten „Lebensschutz“ verschrieben haben, finden. Hinzu kommen zahlreiche andere AkteurInnen aus dem christlich-fundamentalistischen, antifeministischen und rechten Spektrum, mit denen sie gut vernetzt sind und die sich gegenseitig unterstützen.

Märsche für das Leben

Die Märsche sind als die wichtigste öffentliche Aktionsform der Anti-Choice-Bewegung anzusehen. Sie dienen nicht nur der Vernetzung zahlreicher Anti-Choice-AkteurInnen, sondern ermöglichen es, eigene Positionen nach Außen zu tragen. Durch den Fokus auf eine festliche und familienfreundliche Atmosphäre sowie die Verwendung einer möglichst entradikalisierten Sprache wird versucht, sich als gesellschaftlich anschlussfähiges Event zu inszenieren. Dadurch werden die Positionen, die auf einem reaktionären bis extrem rechten Weltbild fußen, verharmlosend vermittelt.

Der erste „Marsch fürs Leben“ fand 1973 in Washington D.C. statt. Anlass war der erste Jahrestag des Roe v. Wade-Urteils – einer Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs zum Recht auf Abtreibung. In Deutschland wurde der erste Vorläufer des „Marsch für das Leben“ 2002 in Berlin organisiert. Diesem wurde von Beginn an mit feministischem Protest entgegen getreten. In den darauffolgenden Jahren entstanden zahlreiche dieser Märsche in unterschiedlichen Städten weltweit, darunter Lima, Paris oder London. 2021 wurde durch den Verein Stimme der Stillen e.V. schließlich auch der „Münchner Marsch fürs Leben“ aus der Taufe gehoben, der sich über die folgenden Jahre mit zunehmend steigenden Teilnehmendenzahlen etablieren konnte.

Von Fundis bis AfD…

Die größte Rolle beim „Münchner Marsch fürs Leben“ spielen dezidierte Anti-Choice-AkteurInnen, die sich mit zahlreichen Infoständen, gemeinsamen Anreisen oder einem Rahmenprogramm am Marsch beteiligen. Dazu gehören etwa die Jugendorgansation „Jugend für das Leben“, oder die „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) zu deren Frühshoppen vor dem Marsch 2023 auch Mitglieder verschiedener rechter Burschenschaften erschienen, die sich dort mit dem Zeigen des „White-Power-Zeichens“ in Szene setzten.

Aber nicht nur explizite Anti-Choice-Vereine beteiligen sich am Marsch fürs Leben. Dazu kommen zahlreiche rechtskatholische Organisationen wie die „Petrus“- und die „Piusbruderschaft“, die „Katholische Jugendbewegung“ und verschiedene extrem rechte AkteurInnen. Auch die AfD oder verschwörungsideologische Gruppen wie „München steht auf“ werben gern auf den „Marsch fürs Leben“. Seitens der OrganisatorInnen des Marsches scheint es übrigens keine große Scheu zu geben. Distanzierungen bleiben in der Regel aus.

Die OrganisatorInnen des „Münchner Marsch fürs Leben“.

Der antifeministische und queerfeindliche Verein „Stimme der Stillen e.V.“ gründete sich 2020 mit dem vorrangigen Ziel den „Münchner Marsch fürs Leben“ zu organisieren. Ihre Aktivitäten beschränken sich jedoch nicht nur darauf. So meldeten sie bspw. 2023 eine Kundgebung mit dem Motto „Schutz der Kinder vor Ideologie und Sexualisierung“ gegen die Draglesung in der Stadtbibliothek München Bogenhausen an. Hier wird besonders sichtbar, dass ihre Forderung des Verbots von Schwangerschaftsabbrüchen mit einer antifeministischen, in Teilen extrem rechten Ideologie verknüpft ist. Es geht eben nicht nur um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

Darüber hinaus zeigt sich mit Blick auf den Vorstand des Vereins „Stimme der Stillen e.V.“ auch die gute Anbindung in der Anti-Choice Szene. So war die 1. Vorsitzende einige Zeit Pressesprecherin für die Initiative „40 days for life“, die zusammen mit anderen Anti-Choice-AkteurInnen regelmäßig vor Kliniken und Beratungsstellen Schwangere und dort Beschäftige belästigen. Aber auch die anderen Vorstandsmitglieder sind in der Szene gut vernetzt.

Auf die Straße!

Gegen den „Marsch fürs Leben“ gibt es jedes Jahr auch große feministische Proteste, damit das reaktionäre und antifeministische Event nicht unkommentiert über die Bühne geht. Letztes Jahr waren die Teilnahmezahlen beim Marsch fürs Leben erstmals deutlich rückläufig. Daran wollen wir gemeinsam anknüpfen. Lasst uns gemeinsam auf dieStraße gehen, laut sein und zeigen, dass wir viele sind!

Für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung! Feminismus in die Offensive!